René Hugenschmidt

Er starb am 1. Juli 2008 in Mahmutlar, Süd-Türkei. Er starb in den Armen seiner Frau Margit an den Folgen einer Herzoperation....

René, du warst mir über viele Jahre ein Freund. Es tut weh zu wissen, dass du nun nicht mehr unter uns bist. Aber es ist nunmal unser Weg, den jeder für sich geht, irgendwann mal ganz alleine. Übrig bleiben diejenigen, die dich geliebt haben und die traurigen Freunde.

Ich lernte René 1982 kennen. Ein fast verzweifelter Anruf. Ein Unterwassergehäuse, das nicht fertig werden wollte für eine Fotokamera, die sich nie durchsetzen sollte. Über ein Jahr lang hatte ich versucht für meine Rollei ein UW-Gehäuse zu bekommen. Aber derjenige, der dieses Gehäuse anbot, hatte nie mehr produziert als einen Holz-Dummy. Also rief ich im Sommer 1982 René Hugenschmidt an um seinen Rat zu hören. Seine Antwort war kurz und bündig. " Vergiss die Kamera, vergiss das Gehäuse, steig auf eine Pentax LX um, das Gehäuse dazu kannst du in 4 Tagen haben". Im Oktober wollten wir, das waren meine Frau Ursel und ich, für 4 Monate auf die Sinai reisen. Was wäre diese Reise geworden ohne funktionierendes Unterwassergehäuse, ohne Unterwasserfotografie? Ich folgte Renés Rat, bestellte mir kurzfristig die Pentax LX bei einem Versandhändler und hatte sie schon 3 Tage später nebst meinen Wunschobjektiven in den Händen.

Am 03. Oktober fuhren wir los. Zuerst nach Küssnacht am Zürichsee. Dort war Renés Werkstatt. Vorneweg, ich hatte eine Wette mit Ursel verloren. Ich war mir sicher, dass das UW-Gehäuse für die Kamera nie und nimmer fertig sein würde. Aber, das Gehäuse war fertig und passte in nie geahnter Präzision. René stand in seiner Werkstatt, ein Brocken von Mensch mit eingebauter Werkbank am Bauch und fräste freihand, die Teile auf seinem Bauch aufgestützt, ein paar kleine Änderungen in den von mir bestellten Port ein. "Brauchst du nicht noch einen Weitwinkelport, wenn du schon so lange da runter fährst" fragte er mich nach einer Weile. Trudel, Renés Mitarbeiter hatte derweilen die Kamera bereits mehrfach ins Gehäuse eingebaut und wieder ausgebaut: Es passte einfach alles perfekt. Zu perfekt für einen, der gelernt hatte, großzügigen Angeboten zu mißtrauen. Aber hier war Mißtrauen tatsächlich fehl am Platz. Es passte alles, und es passt auch heute noch.

Ja, ich brauchte noch ein Weitwinkel-Port. Instinktiv hatte ich mit der Kamera ein 24mm-Objektiv mitbestellt, trotz vorhander Nikonos und 15mm-Objektiv. Minuten später kramte René ein passendes Port aus einer Schublade. "Mach vorher ein paar Probeaufnahmen, damit du die richtigen Einstellungen raus bekommst!". Ähm, Probeaufnahmen? Wie soll ich die denn machen in einer Region, in der man nicht mal einen Diafilm entwickeln konnte. Malesh, es hat auch ohne Probeaufnahmen hingehauen. Es hat überhaupt alles hingehauen. Es war die Reise meines Lebens, die mich für immer auf die Sinai geprägt hat, und fotografisch war es ein Erfolgserlebnis ohne Ende. Als wir uns von René verabschiedeten meinte er noch: "Schick mir ein paar Kopien von deinen schönsten Bildern, ich will sie später in der Werkstatt aufhängen:"

Monate, oder waren es Jahre später, hatte René seinen Wirkungsgbereich von Küssnacht nach Stockach am Bodensee verlegt und lebte nun dort mit seiner Frau Margit. Ursel und ich besuchten die beiden, wenn immer es uns an den Bodensee zog, und das geschah oft genug. Ein paar meiner schönsten Bilder aus dem Winter 82/83 schmückten Renés neue Werkstatt.... Wir tauschten unsere Ideen aus. Makrofotografie war zu meiner Leidenschaft geworden, aber ich wollte mehr als 1:1. Über Wasser kam ich mit meinem System aus Umkehrlinsen und Zwischenringen fast auf 10:1, und unter Wasser wollte ich das auch einsetzen. Kein Problem. Es bedurfte eines einzigen langen Wochenendes, und René hatte all die Zutaten gebastelt, die mir unter Wasser schließlich Vergrößerungen von 3:1 bis 10:1 ermöglichten. Zugegeben 10:1 war ein Flop. Nicht wegen der Technik, die perfekt funktionierte, als vielmehr wegen der Tatsache, dass am Ende kein Mensch wusste, was ich da fotografiert hatte. Aber 3:1 war ein voller Erfolg. Noch heute seh ich die Gesichter anderer UW-Fotografen vor mir, darüber rätselnd, welcher Fisch das wohl sei, den sie nie gesehen hatten, aber nur deshalb, weil er nur knapp einen Zentimeter groß war. Viel zu klein um davon ein Portrait abzulichten.... Um diesen Fisch zu sehen bedurfte es fürwahr einer Vergrößerungseinrichtung, und die hatte René perfekt hingekriegt.

So vergingen die Jahre. Ursel ging von mir und mit ihr Deutschland. Sie liegt im Wüstensand der Sinai begraben nicht weit vom Meer, das sie immer liebte. René hatte sich inzwischen auf die Entwicklungen der Neuzeit eingestellt. Digitale Fotografie hieß das Motto. Und René hat auch das Gehäuse für die Nikon Coolpix 5000 gebaut, mit der Steffi, meine neue Lebensgefährtin und ich, pioniersgemäß unsere ersten guten UW-Digitalbilder schossen. Aber René wusste zu diesem Zeitpunkt schon, dass seine große Zeit nicht mehr lange währen konnte, dass die Unterwasserfotografie nun großen Änderungen ausgesetzt war. Und er fühlte sich inzwischen zu alt um sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen. Er hat Recht gehabt sich zurück zu ziehen, seinen wohlverdienten Ruhestand anzutreten. Er hatte noch immer Träume, von einem ruhigen, gemütlichen Leben unter südlicher Sonne und doch nicht zu weit weg von Europa. Also zog es ihn und seine Frau Margit in die Türkei, nach Mahmutlar, in die Nähe von Alanya. Keine schlechte Gegend muss ich sagen, ich war dort gewesen. Aber wieder einmal hatte René Pech. Wie damals, vor vielen, vielen Jahren auf der Sinai, als er, einer der "Gründer" der inzwischen so berühmten Na'ama Bay in Sharm el Sheik, fast alles verlor. Egal, René und Margit gaben nicht auf, fassten wieder Fuss und lebten einige Jahre noch unbeschwert in der Südtürkei. Bis dann die aktuellen Ereignisse dazwischen kamen.

René, es tut mir leid, dass ich dich nicht mehr besuchen konnte. Ich hätte dich gerne nochmal gesehen. Dir Margit wünsche ich alles Gute und viel Kraft auf deinem weiteren Weg. Wir werden uns jedenfalls wieder sehen.

Dr. med. Hans-Michael Hackenberg

 

 

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